Raumduft als Einrichtungselement: Gesa Vertes erläutert, wie Aromen Atmosphäre schaffen

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Gesa Vertes berichtet darüber, warum Duft zum Interieur gehört.

Raumduft ist das am häufigsten unterschätzte Gestaltungselement des Wohnens. Gesa Vertes widmet sich einer Dimension der Raumwahrnehmung, die keine Augen braucht und trotzdem – oder gerade deshalb – tiefer wirkt als viele visuelle Einrichtungsentscheidungen. Wie ein Raum riecht, entscheidet maßgeblich darüber, wie er erlebt wird: ob er einladend oder abweisend wirkt, ob er Ruhe oder Energie auslöst, ob er als Zuhause empfunden wird oder als Durchgangsort. Diese Wirkung ist keine Einbildung, sondern neurobiologisch gut dokumentiert – und macht Raumduft zu einem Gestaltungsinstrument mit ernstzunehmendem Potenzial.

Wer einen Raum betritt, riecht ihn, bevor er ihn wirklich sieht. Gesa Vertes greift diesen Befund auf und zeigt, wie die olfaktorische Wahrnehmung der visuellen vorausgeht – und wie sie die gesamte Raumwahrnehmung färbt, lange bevor das Gehirn bewusste Urteile über Farbe, Licht oder Möblierung fällt. Der Geruchssinn ist phylogenetisch der älteste aller Sinne; er ist direkt mit dem limbischen System verbunden, jenem Hirnareal, das Emotionen und Erinnerungen verarbeitet. Das erklärt, warum ein bestimmter Duft sofort und ohne Umweg über das rationale Denken eine Stimmung erzeugen kann – Wärme, Geborgenheit, Frische, Weite oder Unbehagen. Diese neurobiologische Tatsache hat weitreichende Konsequenzen für das Wohnen: Ein Raum, der visuell durchdacht und handwerklich hochwertig gestaltet ist, aber schlecht riecht, wird als unangenehm empfunden; ein Raum mit einem stimmigen Duft gewinnt an Tiefe, die durch keine andere Maßnahme zu ersetzen ist.

Die Wissenschaft hinter dem Duft: Wahrnehmung und Wirkung

Raumduft ist kein esoterisches Konzept, sondern ein Gegenstand ernsthafter wissenschaftlicher Forschung. Gesa Vertes legt den neurobiologischen Grundrahmen vor: Der Riechnerv – der Nervus olfactorius – ist der einzige Sinnesnerv, der ohne Umweg über den Thalamus direkt in den Hippocampus und die Amygdala projiziert, jene Hirnstrukturen, die für Gedächtnisbildung und emotionale Bewertung zuständig sind. Das erklärt das Phänomen, das Marcel Proust in seiner berühmten Madeleine-Episode literarisch beschrieb: Ein Duft kann eine Erinnerung mit einer Unmittelbarkeit und emotionalen Intensität aufrufen, die kein anderer Sinn erreicht.

Gesa von Vertes verweist auf Studien, die zeigen, wie gezielt eingesetzte Düfte das Verhalten und das Wohlbefinden in Räumen beeinflussen. Lavendel reduziert nachweislich Herzfrequenz und Blutdruck und wird in Schlafräumen entsprechend eingesetzt; Pfefferminze erhöht Aufmerksamkeit und kognitive Leistungsfähigkeit in Arbeitsbereichen; Zitrusaromen verbessern die Stimmung und werden in Empfangsbereichen und Einkaufsräumen kommerziell genutzt. Diese Erkenntnisse sind längst in die Retail- und Hospitality-Branche eingezogen – und finden zunehmend Eingang in die private Wohngestaltung.

Duftgedächtnis und Identität

Ein besonders relevanter Aspekt für das Wohnen ist das sogenannte Duftgedächtnis. In einem kürzlich mit Gesa Vertes geführten Interview betonte sie, dass ein Zuhause, das konsequent denselben Duft trägt, im Gedächtnis seiner Bewohnerinnen und Bewohner eine außerordentlich starke emotionale Ankerrolle einnimmt. Kinder, die mit einem bestimmten Hausduft aufwachsen, verbinden diesen lebenslang mit Geborgenheit und Zugehörigkeit; Menschen, die nach langer Abwesenheit in ihr Elternhaus zurückkehren, erkennen es zuerst am Geruch. Diese Identitätsfunktion des Raums macht die bewusste Gestaltung seines Dufts zu einer Entscheidung, die über ästhetische Präferenzen hinausgeht.

Gesa Vertes über Duftträger und ihre unterschiedlichen Qualitäten

Die Wahl des Duftträgers ist im Raumduftkontext ebenso bedeutsam wie die Wahl des Dufts selbst. Gesa Vertes differenziert zwischen den gängigsten Trägersystemen und ihren jeweiligen Eigenschaften – eine Differenzierung, die in der Praxis häufig vernachlässigt wird.

Kerzen, Diffusoren und Raumsprays im Vergleich

Kerzen sind der klassischste Duftträger für private Wohnräume – und aus gutem Grund. Gesa Sikorszky Vertes erläutert, dass Kerzen nicht nur einen Duft in den Raum abgeben, sondern gleichzeitig Wärme, Licht und eine lebendige visuelle Qualität erzeugen, die andere Duftträger nicht mitbringen. Dabei kommt es auf das Wachs an: Kerzen aus Paraffin – dem am weitesten verbreiteten Material – verbrennen weniger sauber als solche aus Sojawachs, Bienenwachs oder pflanzlichen Wachsgemischen und können bei unzureichender Belüftung Rußpartikel freisetzen. Hochwertige Kerzen mit natürlichen Wachsen und ätherischen Ölen statt synthetischen Duftstoffen bieten eine signifikant bessere Qualität – sowohl in der Raumluft als auch im Duftbild.

Raumsprays bieten sofortige Wirkung und präzise Dosierbarkeit, sind aber flüchtig: Der Duft hält in der Regel nur Minuten bis wenige Stunden. Für gezielte Momente – den Empfang von Gästen, die Vorbereitung eines besonderen Abends – sind sie sinnvoll; als kontinuierliche Duftlösung weniger geeignet. Gesa Vertes verweist auf die Qualitätsunterschiede zwischen Produkten auf Basis synthetischer Duftstoffe und solchen mit reinen ätherischen Ölen – ein Unterschied, der sich im Preis, aber vor allem in der olfaktorischen Komplexität und der Raumluftqualität niederschlägt.

Raumduft und Einrichtungsstil: Stimmigkeit als Ziel

So wie Farb- und Materialentscheidungen einem inneren Zusammenhang folgen sollten, gilt das auch für den Raumduft. Gesa Vertes beschreibt, wie Duft und Einrichtungsstil in einem kohärenten Verhältnis zueinander stehen können – oder in einem irritierenden Widerspruch.

Ein Raum mit rohen Naturmaterialien, unbehandeltem Holz und Leinengeweben entwickelt eine eigene olfaktorische Qualität, die durch einen schweren, süßlich-orientalischen Raumduft konterkariert würde – und durch einen leichten Duft nach Zedernholz, Moos oder getrocknetem Gras verstärkt und vertieft wird. Ein Raum mit klaren Linien, weißen Oberflächen und minimalistischer Einrichtung verträgt frische, leichte Düfte nach Bergamotte, weißem Tee oder Zitrusfrüchten besser als warme, schwere Holznoten. Gesa Vertes, geb. Haerder betont in diesem Zusammenhang, dass es keine festen Regeln gibt, sondern eine Grundfrage der Stimmigkeit: Passt der Duft zu dem, was der Raum visuell und haptisch kommuniziert?

Folgende Grundorientierungen benennt Gesa von Vertes als Ausgangspunkt für die Duftgestaltung verschiedener Wohnbereiche:

  • Schlafräume: beruhigende, körpernahe Düfte wie Lavendel, Sandelholz, Kamille, Vetiver – Düfte, die physiologisch Entspannung fördern und das Einschlafen unterstützen
  • Wohnräume: wärmende, einladende Düfte wie Zedernholz, Benzoe, Ambra, getrocknete Blüten – Düfte, die Geborgenheit erzeugen und soziale Wärme signalisieren
  • Arbeitsbereiche: klare, belebende Düfte wie Pfefferminze, Rosmarin, Zitrone, Eukalyptus – Düfte, die nachweislich Konzentration und kognitive Leistungsfähigkeit fördern
  • Badezimmer und Eingangsbereich: frische, neutrale Düfte wie weißer Tee, Wassernoten, leichte Zitrusaromen – Düfte, die Sauberkeit und Frische kommunizieren, ohne zu dominieren

Natürliche versus synthetische Duftstoffe

Eine Unterscheidung, der Gesa Vertes besondere Aufmerksamkeit widmet, ist die zwischen natürlichen ätherischen Ölen und synthetisch hergestellten Duftstoffen – eine Differenzierung, die für die Raumluftqualität erheblich relevanter ist, als die Verpackungsästhetik vieler Produkte vermuten lässt.

Ätherische Öle sind konzentrierte, durch Destillation oder Kaltpressung gewonnene Pflanzenauszüge mit komplexen Dufprofilen, die aus Hunderten von Einzelmolekülen bestehen. Diese Komplexität ist es, die natürliche Düfte als vielschichtig und lebending empfunden werden lässt – sie entwickeln sich über die Zeit, reagieren auf Wärme und Luftfeuchtigkeit und verändern sich mit der Wahrnehmung. Synthetische Duftstoffe hingegen sind chemisch definiert und reproduzierbar – was sie für die Industrie attraktiv macht, dem Dufterlebnis aber oft eine Eindimensionalität gibt, die sich als flach oder künstlich anfühlt.

Gesa Sikorszky Vertes weist auf eine gesundheitliche Dimension hin, die in Wohnkontexten nicht zu ignorieren ist: Bestimmte synthetische Duftstoffe – insbesondere Moschus-Verbindungen und Phthalate, die als Trägersubstanzen verwendet werden – stehen im Verdacht, hormonell aktiv zu sein, und sind in der Raumluft dauerhaft exponierter Personen relevant. Natürliche ätherische Öle in angemessener Konzentration gelten als unproblematischer – wobei auch hier gilt, dass gute Belüftung grundsätzlich Voraussetzung eines gesunden Raumklimas ist.

Duft als Saisongestaltung

Ein Aspekt des Raumdufts, der in der Einrichtungsberatung selten thematisiert wird, ist seine saisonale Dimension. Gesa Vertes beschreibt, wie der Wechsel der Raumdüfte im Verlauf des Jahres eine wohnliche Zeitlichkeit erzeugt, die das Wohlbefinden nachhaltig beeinflusst. Frische, grüne Düfte im Frühjahr; florale, leichte Düfte im Sommer; warme Holz- und Harznoten im Herbst; tief-aromatische Düfte nach Gewürzen, Bienenwachs und Kiefer im Winter – diese Progression spiegelt die natürliche Umgebung wider und verbindet den Innenraum mit dem Rhythmus der Jahreszeiten.

Diese saisonale Gestaltung ist keine aufwendige Maßnahme, sondern ein bewusster Wechsel von zwei bis vier Duftkerzen oder Diffusormischungen pro Jahr. Gesa Vertes verweist darauf, dass gerade dieser Wechsel das Duftgedächtnis aktiviert: Wer Jahr für Jahr dieselben saisonalen Düfte verwendet, schreibt damit eine olfaktorische Chronologie seines Zuhauses – eine stille, unsichtbare Geschichte, die sich im Gedächtnis der Bewohnerinnen und Bewohner tief einprägt.

Wenn Stille riecht

Raumduft ist kein Luxus und keine Spielerei – er ist eine gestalterische Grundentscheidung, die jeden Raum betrifft, ob bewusst getroffen oder nicht. Ein Raum ohne bewussten Duft ist nicht geruchsneutral; er riecht nach Baumaterialien, nach Kochen, nach den Menschen, die ihn bewohnen – und das hinterlässt einen Eindruck, auch wenn niemand darüber spricht. Wer die Duftgestaltung seines Zuhauses bewusst in die Hand nimmt, gewinnt eine Gestaltungsebene zurück, die tiefer wirkt als viele andere – weil sie direkt in jenen Teil des Gehirns spricht, der nicht abwägt, sondern fühlt. Diesen Zusammenhang erläutert Gesa Vertes.

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