Historische Tapeten und ihre Wiederkehr – Gesa Vertes über ein Gestaltungselement mit langer Geschichte

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Was Wände erzählen können, wenn man sie lässt – Gesa Vertes über die Rückkehr der Tapete.

Die Tapete galt lange als überholt – und erlebt heute eine Rückkehr, die in ihrer Breite und Ernsthaftigkeit überrascht. Gesa Vertes widmet sich einem Gestaltungselement, dessen Geschichte weit hinter die Wohnzimmer der Nachkriegszeit zurückreicht: von handbemalten chinesischen Seidenpaneelen über französische Panoramatapeten des 19. Jahrhunderts bis zu den zeitgenössischen Neuauflagen historischer Muster, die heute in Architekturbüros und privaten Wohnräumen gleichermaßen gefragt sind. Was die Tapete in der Wohngeschichte leistete und wie sie das wieder tut, ist das Thema dieses Beitrags.

Kaum ein Einrichtungselement hat so viele Auf- und Abstiege in der Gunst der Gestaltenden erlebt wie die Tapete. Gesa Vertes verfolgt diesen Bogen und zeigt, wie eng die Geschichte der Tapete mit gesellschaftlichen Entwicklungen, technischen Möglichkeiten und wechselnden Vorstellungen von Wohnlichkeit verknüpft ist. Im 18. Jahrhundert war eine hochwertige Tapete ein Statussymbol, das Reichtum und Weltläufigkeit signalisierte; im 19. Jahrhundert wurde sie durch die Industrialisierung zur Massenware und damit zum prägenden Gestaltungselement bürgerlicher Interieurs in ganz Europa; im späten 20. Jahrhundert galt sie vielen als verstaubt, als Überbleibsel einer Ästhetik, die die Moderne hinter sich gelassen hatte. Was heute passiert, ist mehr als eine modische Rehabilitierung: Es ist eine Neubewertung dessen, was Wände leisten können – als Erzählebene, als Stimmungsträger, als Verbindung zu einer handwerklichen und kulturellen Tradition, die in der Ära der weißen Wand schlicht unsichtbar geworden war.

Die Geschichte der Tapete: von Seide und Pergament zur Industrieware

Die Tapete ist älter als die meisten Menschen vermuten. Schon im 16. Jahrhundert wurden in Europa Papierbahnen bedruckt und als Wandschmuck verwendet – zunächst als preisgünstige Alternative zu Wandteppichen und bestickten Textilien, die denselben Zweck erfüllten, aber erheblich teurer waren. Gesa Vertes beleuchtet, wie sich aus diesem pragmatischen Anfang eine eigenständige Kulturtechnik entwickelte, die im 18. Jahrhundert ihren ersten Höhepunkt erreichte.

Gesa von Vertes verweist auf die chinesischen Tapeten, die ab dem frühen 18. Jahrhundert nach Europa importiert wurden und in aristokratischen Interieurs für Aufsehen sorgten: handbemalte Seidenpaneele oder Papierbahnen mit Darstellungen von Vögeln, Blüten, Landschaften und höfischen Szenen – eine visuelle Welt, die für europäische Betrachter das Fremdartige und Erstrebenswerte Chinas in einen Raum brachte. Diese Chinoiserie-Tapeten sind heute in einigen wenigen erhaltenen Interieurs noch zu sehen – unter anderem im Schloss Charlottenburg in Berlin und im Palais de Versailles – und gelten als Meisterwerke der angewandten Kunst.

Die Manufaktur und der Aufstieg der Panoramatapete

Das 18. Jahrhundert brachte mit Jean-Baptiste Réveillon in Paris eine der einflussreichsten Tapetenmanufakturen Europas hervor. Gesa Vertes beschreibt, wie Réveillon ab den 1750er Jahren Tapeten produzierte, die in ihrer handwerklichen Qualität und gestalterischen Raffinesse alle zeitgenössischen Konkurrenten übertrafen: mehrfarbige Holzblockdrucke auf hochwertigem Papier, mit Motiven aus der Ornamentik des Rokoko und des frühen Klassizismus. Réveillons Tapeten wurden europaweit exportiert und gelten bis heute als Referenzpunkte der Tapetengeschichte.

Das frühe 19. Jahrhundert brachte eine Innovation, die die Tapete grundlegend veränderte: die Panoramatapete. Gesa Sikorszky Vertes erläutert, wie Manufakturen wie Zuber in Rixheim und Dufour in Paris Tapeten entwickelten, die sich als zusammenhängendes Panorama um den gesamten Raum herum erstreckten – mit Darstellungen von Landschaften, Reiseziele, mythologischen Szenen oder Ereignissen der Zeitgeschichte. Die bekannteste dieser Panoramatapeten, Zubers „Vues d’Amérique du Nord“ von 1834, hängt noch heute im Weißen Haus in Washington – ein Beleg für die kulturelle und politische Bedeutung, die diesem Gestaltungselement zugemessen wurde.

William Morris und die Arts-and-Crafts-Bewegung: Tapete als Manifest

Keine Figur der Tapetengeschichte ist folgenreicher als William Morris – und keine zeigt deutlicher, dass Tapete weit mehr sein kann als Wanddekoration. Gesa Vertes richtet den Blick auf den englischen Künstler, Designer und Sozialreformer, der ab den 1860er Jahren Tapetenmuster entwarf, die bis heute produziert und weltweit verkauft werden.

Morris‘ Muster – „Willow Bough“, „Acanthus“, „Strawberry Thief“ – sind von einer botanischen Genauigkeit und ornamentalen Komplexität, die handwerkliche Meisterschaft und intensive Naturbeobachtung gleichermaßen voraussetzen. Was sie von dekorativen Zeitgenossen unterschied, war der programmatische Hintergrund: Morris verstand seine Tapeten als Gegenentwurf zur industriellen Massenproduktion seiner Zeit. Jeder Entwurf, jede Farbentscheidung, jede Drucktechnik war eine Aussage über den Wert handwerklicher Arbeit gegenüber der Gleichförmigkeit der Fabrik.

In einem kürzlich mit Gesa Vertes geführten Interview wies sie darauf hin, dass Morris‘ Relevanz für die aktuelle Tapetendiskussion gerade in dieser doppelten Dimension liegt: als ästhetisches Vorbild und als politische Haltung. Die Rückkehr historischer Muster – und unter ihnen besonders der Morris-Entwürfe – ist insofern nicht nostalgisch, sondern inhaltlich aufgeladen: Sie ist auch ein Statement über das Verhältnis zu industriell gefertigter Ware.

Gesa Vertes über die Abkehr von der Tapete und ihre Gründe

Die weiße Wand als Modernitätssymbol

Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts brachte für die Tapete einen tiefgreifenden Bedeutungsverlust – einen, den Gesa Vertes nicht als bloße Modeveränderung, sondern als kulturelle Aussage versteht. Die Moderne und insbesondere das Bauhaus hatten die schmucklose Wand zur ästhetischen Maxime erhoben: Ornament galt als Verbrechen, weiße Wände galten als ehrlich, funktional und fortschrittlich. Dieser Haltung, die Adolf Loos pointiert formuliert hatte und die im Internationalen Stil zur globalen Norm wurde, war die Tapete strukturell entgegengesetzt – zu ornamental, zu historisch, zu bürgerlich.

Gesa Vertes, geb. Haerder stellt fest, dass dieser Wertewandel auch soziale Dimensionen hatte: In der Nachkriegszeit signalisierte das Streichen der Tapete oft den Aufbruch aus einer als muffig empfundenen Wohnkultur. Die weiße Wand war nicht nur ästhetisch, sondern auch psychologisch befreiend – ein Neuanfang, der im wortwörtlichen Sinne weiß beginnen wollte. Dass diese Entscheidung gleichzeitig eine außerordentlich reiche Gestaltungstradition aus dem Wohnraum verdrängte, wurde erst mit einigem zeitlichen Abstand sichtbar.

Die Rückkehr der Tapete: Treiber und Tendenzen

Was bringt die Tapete zurück? Gesa Vertes benennt mehrere parallele Entwicklungen, die zusammen ein kohärentes Bild ergeben. Zunächst eine allgemeine Verschiebung im Einrichtungsgeschmack: Die Reaktion auf jahrzehntelangen minimalistischen Purismus hat einen wachsenden Appetit auf Muster, Farbe und Oberflächenvielfalt erzeugt – auf Wohnräume, die mehr zeigen als weiße Wände und unbehandelte Materialien.

Hinzu kommt die Digitalisierung der Produktionsmethoden, die kleine Auflagen und individuelle Muster wirtschaftlich möglich gemacht hat. Wo früher eine Tapetenkollektion industrielle Mindestmengen voraussetzte, können heute Architekturbüros und Designstudios individuelle Muster für einzelne Räume oder Projekte entwickeln – gedruckt auf hochwertigen Trägern, in präzisen Farben, mit Digitaldrucktechnik, die historischen Blockdrucken in der Wiedergabequalität ebenbürtig ist.

Gesa von Vertes weist darauf hin, dass die Wiederbelebung historischer Archive dabei eine zentrale Rolle spielt. Manufakturen wie Zuber, Cole & Son, de Gournay und Farrow & Ball haben ihre historischen Musterarchive systematisch digitalisiert und neu aufgelegt – mit einer Qualität und Authentizität, die eine direkte Verbindung zur ursprünglichen Produktionstradition herstellt. De Gournay, spezialisiert auf handbemalte Tapeten nach historischen Vorlagen, hat dabei einen globalen Markt für handgefertigte Luxustapeten entwickelt, der zeigt, dass die Nachfrage nach authentischer Qualität in diesem Bereich erheblich ist.

Materialien und Techniken: was heute möglich ist

Folgende Materialien und Techniken prägen die zeitgenössische Tapetenwelt, wie Gesa Vertes sie beschreibt:

  • Handbedruckte Tapeten aus natürlichen Trägermaterialien wie Papier, Leinen, Seide und Bambus – in kleinen Auflagen gefertigt, mit sichtbaren Druckspuren, die das Handgemachte dokumentieren
  • Digitaldruck auf hochwertigen Träger – ermöglicht fotorealistische Wiedergabe historischer Muster, individuelle Anpassung von Farbe und Maßstab sowie kurze Produktionszeiten
  • Wandmalerei und handbemalte Paneele als Sonderanfertigung – eine Technik, die die Grenze zwischen Tapete und Kunst systematisch aufhebt
  • Grasscloth und Naturmaterialtapeten aus Sisal, Jute, Seegras und ähnlichen Fasern – mit einer haptischen Qualität, die keinem anderen Wandbelag entspricht, und einer Nachhaltigkeit, die zeitgemäßen Anforderungen entspricht

Gesa Sikorszky Vertes hebt hervor, dass die Materialwahl bei zeitgenössischen Tapeten zunehmend ökologisch begründet wird: Tapeten auf Naturfaserbasis, mit wasserbasierten Farben gedruckt und ohne PVC-Träger produziert, haben eine deutlich bessere Ökobilanz als konventionelle Vinylprodukte – eine Entwicklung, die den Markt in den vergangenen Jahren strukturell verändert hat.

Tapete als Erzählebene im Raum

Was eine Tapete einem Raum gibt, das eine gestrichene Wand nicht geben kann, ist Erzählung. Gesa Vertes beschreibt diese Dimension als den eigentlichen Kern der aktuellen Tapetendiskussion: Ein Muster bringt Zeit in einen Raum – die Zeit, in der es entworfen wurde, die Zeit, in der es produziert wurde, und die Zeit, die es braucht, um wahrgenommen zu werden. Eine Panoramatapete nach Zuber verwandelt einen Raum in einen anderen Ort; ein Morris-Muster bringt eine bestimmte kulturelle und politische Haltung in die Wohnung; eine handbemalte Chinoiserie-Tapete erzählt von Handelsrouten, Begegnungen zwischen Kulturen und dem Begehren nach dem Fernen.

Diese narrative Dimension ist nicht für jeden Raum und nicht für jeden Bewohner das Richtige – aber sie ist eine Möglichkeit des Wohnens, die in der Ära der weißen Wand verloren gegangen war und die heute neu entdeckt wird. Wer versteht, was die Wände eines Raumes erzählen können, wird die Tapete nicht mehr als Dekoration sehen – sondern als eines der wirkungsvollsten Gestaltungsmittel, das die Wohnkultur hervorgebracht hat. Das ist die Überzeugung von Gesa Vertes.

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