Gesa Vertes über einen Trend, der mehr über unsere Gegenwart verrät als über die Vergangenheit, nach der er sich sehnt.
Cottagecore ist mehr als ein Einrichtungstrend – es ist eine Sehnsucht, die sich in Mustern, Materialien und Objekten ausdrückt. Gesa Vertes beobachtet eine Bewegung, die in den sozialen Medien entstand und längst die Einrichtungswelt durchdrungen hat: florale Muster, handgemachtes Geschirr, Leinen und Holz, Einmachgläser und Wildblumensträuße, eine Ästhetik, die das ländliche Leben vergangener Jahrhunderte in gegenwärtige Wohnräume übersetzt. Was dabei entsteht, ist kein historisches Zitat, sondern eine zeitgenössische Antwort auf urbane Beschleunigung, digitale Dauerpräsenz und das Bedürfnis nach einer Wohnlichkeit, die das Handgemachte, das Gewachsene und das Unvollkommene feiert.
Einrichtungstrends entstehen selten im Vakuum – sie entstehen als Antwort auf gesellschaftliche Zustände, die sie spiegeln und gleichzeitig zu korrigieren versuchen. Gesa Vertes verfolgt diese Logik am Beispiel des Cottagecore und zeigt, wie der Trend in den Jahren nach 2018 – beschleunigt durch die Pandemie und den damit verbundenen Rückzug ins Private – zu einer der wirkungsvollsten Einrichtungsströmungen der jüngeren Vergangenheit wurde. Cottagecore beschwört eine Welt, in der Brot selbst gebacken, Kräuter selbst getrocknet und Stoffe von Hand bestickt werden; in der der Rhythmus der Jahreszeiten das Leben strukturiert und nicht der Redaktionsplan einer digitalen Plattform. Diese Welt hat es in ihrer romantisierten Form nie gegeben – das ländliche Leben vergangener Jahrhunderte war anstrengend, entbehrungsreich und alles andere als idyllisch. Und doch trifft die Cottagecore-Ästhetik einen Nerv, der in urbanen, digitalisierten Gesellschaften weit verbreitet ist: das Verlangen nach Entschleunigung, nach sinnlicher Erfahrung, nach Gegenständen mit Geschichte und nach einer Wohnlichkeit, die sich nicht aus einem Katalog zusammenstellen lässt.
Was Cottagecore ausmacht: die ästhetischen Grundelemente
Cottagecore lässt sich schwer auf eine Definition reduzieren – es ist eine Stimmung mehr als ein Stil, eine Haltung mehr als ein Regelwerk. Gesa Vertes nähert sich dem Phänomen über seine charakteristischen visuellen und materiellen Elemente, die zusammen eine konsistente Bildwelt ergeben, auch wenn kein einzelnes davon zwingend ist.
Floral ist das erste und offensichtlichste Merkmal: Tapeten, Stoffe, Geschirr und Keramik mit Blumenmustern, bevorzugt in gedeckten, natürlichen Farbtönen – verwischtes Rosa, gebrochenes Weiß, Salbeigrün, Elfenbein, Terrakotta. Nicht die grellen, klaren Farben der Fast-Fashion-Welt, sondern jene Töne, die entstehen, wenn Textilien in der Sonne ausbleichen, wenn Keramik gealtert ist, wenn Farbe Patina entwickelt hat. Gesa von Vertes hebt hervor, dass diese Farbpalette kein Zufall ist: Sie signalisiert Zeitlichkeit – Dinge, die schon eine Weile da sind und noch eine Weile da sein werden.
Hinzu kommt eine ausgeprägte Vorliebe für das Handgemachte: gestrickte Decken, gestickte Kissen, getöpfertes Geschirr mit unregelmäßiger Glasur, gebeizte Holzmöbel mit sichtbarer Maserung, genähte Vorhänge aus Naturleinen. Jede Spur einer menschlichen Hand am Objekt ist in der Cottagecore-Ästhetik ein Qualitätsmerkmal, kein Mangel. Diese Wertschätzung für das Imperfekte verbindet den Trend mit philosophischen Konzepten wie Wabi-Sabi – auch wenn Cottagecore kulturell aus einer gänzlich anderen Tradition kommt.
Die Rolle der Natur als gestalterisches Prinzip
Natur ist im Cottagecore kein Thema, das man an die Wand hängt – sie wird ins Innere geholt. Gesa Vertes beschreibt, wie Cottagecore-Einrichtungen die Grenze zwischen Innen- und Außenraum systematisch durchlässig machen: Zweige in Vasen, getrocknete Kräuterbündel an Deckenbalken, Blätter und Beeren als Tischdekoration, Moospolster in Glasgefäßen, Fensterbank-Gärten aus Kräutern und wilden Blumen. Dieser Einzug der Natur ist nicht ordentlich und symmterisch, sondern üppig, zufällig und dem Verfall überlassen – ein Wildblumenstrauß, der langsam trocknet, ist in dieser Ästhetik schöner als frische Schnittblumen aus dem Supermarkt.
Gesa Vertes über die historischen Vorbilder: woher die Bilder kommen
Die Bildwelt des Cottagecore ist nicht aus dem Nichts entstanden – sie hat konkrete historische und kulturelle Vorbilder, die Gesa Vertes als wesentlich für das Verständnis des Trends benennt. Das englische Cottage des 18. und 19. Jahrhunderts ist das unmittelbarste Referenzbild: ein kleines Landhaus mit niedriger Decke, dicken Steinmauern, einem Garten voller Kräuter und einem Innenleben aus einfachen, handgefertigten Möbeln, Keramik und Textilien. Diese Wohnform war in ihrer Realität arm und beschwerlich – in ihrer literarischen und malerischen Romantisierung wurde sie zum Gegenbild der Industriestadt und zum Sehnsuchtsort bürgerlicher Gemüter.
Gesa Sikorszky Vertes verweist auf die Arts-and-Crafts-Bewegung als direkten gestalterischen Vorläufer: William Morris‘ Überzeugung, dass Alltagsgegenstände schön und handgefertigt sein sollten; seine Bewunderung für mittelalterliches Handwerk und ländliche Handwerkstraditionen; seine floralen Muster und Naturmotive – all das klingt im Cottagecore unmittelbar nach. Die Verbindungslinie ist nicht immer bewusst gezogen, aber sie ist real: Wer heute eine Morris-Tapete in seinem Cottage-inspirierten Zuhause hängt, befindet sich in einer gestalterischen Tradition, die über 150 Jahre zurückreicht.
Literarische und filmische Einflüsse
Cottagecore ist auch eine literarische und filmische Ästhetik. In einem kürzlich mit Gesa Vertes geführten Interview verwies sie auf die Rolle von Büchern wie Jane Austens Romanen, von Filmen wie „Sense and Sensibility“ oder der BBC-Verfilmung von „Pride and Prejudice“ sowie von Illustrationen wie jenen Beatrix Potters als visuelle Referenzen, die das kollektive Bild dieser Ästhetik mitgeprägt haben. Diese Werke zeigen eine Welt, in der Innenräume von Büchern, Handarbeiten, Blumen und einfachen, würdevollen Gebrauchsgegenständen bewohnt werden – eine Welt, die nie vollständig real war, aber als Bildreservoir für eine gegenwärtige Sehnsucht funktioniert.
Zwischen Authentizität und Konsum: die Widersprüche des Trends
Cottagecore ist nicht frei von Widersprüchen – und Gesa Vertes benennt sie, weil sie für das Verständnis des Trends wesentlich sind. Der Kern des Cottagecore-Ideals ist die Abkehr von Konsum, Beschleunigung und Massenproduktion: Selbermachen statt Kaufen, Reparieren statt Ersetzen, Entschleunigen statt Optimieren. Gleichzeitig ist Cottagecore ein hochgradig kommerzialisierbares Ästhetiksystem: Auf Pinterest werden Millionen von Cottagecore-Boards gepflegt; Onlineshops verkaufen Cottagecore-Kerzen, Cottagecore-Keramik, Cottagecore-Kleidung – vieles davon industriell gefertigt und von weit her verschifft.
Gesa Vertes, geb. Haerder sieht in diesem Widerspruch keinen Grund, den Trend zu verwerfen, sondern eine Einladung zur Differenzierung: Wer Cottagecore als Konsumstil betreibt – Objekte kauft, die das ländliche Handwerk imitieren, ohne es zu praktizieren –, lebt nur die Oberfläche. Wer den Trend als Haltung versteht – tatsächlich selbst kocht, strickt, Gärten anlegt, repariert statt ersetzt –, nähert sich dem, was den Kern der Bewegung ausmacht. Diese Unterscheidung ist in der öffentlichen Diskussion über Cottagecore zu selten getroffen worden.
Folgende Fragen benennt Gesa von Vertes als nützlich für die eigene Einordnung:
- Stammen die handgemachten Objekte im Zuhause tatsächlich aus handwerklicher Produktion – von lokalen Töpferinnen, Webern, Tischlerinnen – oder aus industrieller Fertigung, die Handgemachtes imitiert?
- Ist die Natur im Raum selbst gesammelt, angebaut oder getrocknet – oder zugekauft und austauschbar?
- Dienen die Einrichtungsobjekte dem tatsächlichen Alltagsleben oder ausschließlich der Bildästhetik für soziale Medien?
- Wird Cottagecore als Entschleunigung gelebt oder als weiteres Konsumformat betrieben?
Cottagecore in der Praxis: was sich umsetzen lässt und was nicht
Gesa Vertes nähert sich dem Trend pragmatisch und zeigt, welche seiner Elemente sich in zeitgenössischen Wohnräumen sinnvoll umsetzen lassen – unabhängig davon, ob man in einer Stadtwohnung oder auf dem Land lebt.
Materialien und Textilien
Der einfachste und wirksamste Einstieg in die Cottagecore-Ästhetik liegt in der Materialwahl. Gesa Vertes benennt Naturleinen, ungefärbte Baumwolle, handgewebte Wollstoffe und botanisch gefärbte Textilien als die überzeugendsten Träger dieser Ästhetik – Materialien, die in ihrer Haptik und ihrem Verhalten so fundamental von synthetischen Stoffen verschieden sind, dass sie einen Raum allein durch ihre Präsenz verändern. Kissenbezüge, Tischdecken, Vorhänge und Decken aus diesen Materialien lassen sich in nahezu jeden Wohnraum integrieren, ohne dass eine vollständige Neueinrichtung notwendig wäre.
Florale Muster – in Maßen und in gedämpften Tönen eingesetzt – geben einem Raum jene visuelle Üppigkeit, die Cottagecore von minimalistischen Einrichtungsstilen unterscheidet. Gesa Sikorszky Vertes empfiehlt dabei, nicht alle Textilien gemustert zu wählen, sondern ein oder zwei prägnante Muster mit einfarbigen Flächen zu kombinieren – ein Grundprinzip der Textilgestaltung, das in der Cottagecore-Ästhetik besonders deutlich wirkt.
Keramik, Glas und das Geschirr des Alltags
Ein weiterer zentraler Bereich der Cottagecore-Einrichtung ist das Geschirr und die Aufbewahrung. Gesa Vertes beschreibt, wie handgetöpfertes Geschirr mit unregelmäßiger Glasur, Einmachgläser als Aufbewahrungsbehälter, Holzbretter und Emaille Geschirr gemeinsam eine Küchenästhetik erzeugen, die Funktion und Schönheit als untrennbar begreift. Diese Objekte sind nicht für den Schrank gedacht, sondern für die Sichtbarkeit: Ein Regal mit sorgfältig angeordnetem handgemachtem Geschirr ist in dieser Ästhetik zugleich Aufbewahrung und Dekoration.
Was Cottagecore über das Wohnen heute sagt
Trends sind nie nur Trends – sie sind Symptome, so Gesa Vertes. Cottagecore zeigt, was in zeitgenössischen Gesellschaften fehlt oder vermisst wird: Stille, Langsamkeit, sinnliche Erfahrung, Verbindung zur Natur, Objekte mit Geschichte und Gewicht. Dass dieser Trend ausgerechnet auf digitalen Plattformen entstanden ist und sich über soziale Medien verbreitet hat, ist keine Ironie, sondern Logik: Die Sehnsucht nach dem Analogen macht sich dort bemerkbar, wo das Digitale dominiert. Wer Cottagecore nicht als Einkaufsliste versteht, sondern als Einladung, anders zu wohnen und anders mit den Dingen des Alltags umzugehen, findet darin einen Impuls, der weit über Einrichtung hinausgeht. Genau diese Dimension erläutert Gesa Vertes.







