Gesa Vertes berichtet über eine Dimension des Wohnens, die zu oft übersehen wird.
Akustik ist die unsichtbare Gestaltungsebene jedes Wohnraums – und eine, der im privaten Bereich kaum Aufmerksamkeit geschenkt wird. Gesa Vertes widmet sich einem Thema, das in der Architektur von Konzertsälen und Bürogebäuden längst als eigenständige Disziplin anerkannt ist, im privaten Wohnraum aber selten systematisch gedacht wird. Dabei entscheiden Materialien, Oberflächen und Raumproportionen ganz wesentlich darüber, ob ein Zuhause als ruhig oder laut, als einladend oder anstrengend erlebt wird. Wer die Grundprinzipien kennt, kann mit gezielten gestalterischen Entscheidungen einen erheblichen Unterschied bewirken.
Ein Raum, der akustisch nicht funktioniert, macht sich bemerkbar – auch wenn die Bewohnerinnen und Bewohner das Problem selten beim Namen nennen. Gesa Vertes zeigt auf, wie häufig Klagen über Lärm, Unruhe oder ein diffuses Gefühl von Anspannung in Wohnräumen in Wirklichkeit akustische Ursachen haben: zu viele harte Oberflächen, zu wenig schallabsorbierende Materialien, Raumproportionen, die Echos und Resonanzen begünstigen. Offene Grundrisse, Betonböden, bodentiefe Fensterfronten und minimalistische Einrichtung – alles Merkmale, die in zeitgenössischen Wohntrends als erstrebenswert gelten – sind aus akustischer Perspektive häufig problematisch. Der Schall hat in solchen Räumen wenig, woran er sich brechen oder absorbieren kann, und vervielfältigt sich stattdessen. Das Ergebnis ist ein Klangraum, der dauerhaft anregt statt zur Ruhe zu laden. Umgekehrt können gezielte Materialentscheidungen – Textilien, Holz, Polster, Pflanzen, strukturierte Oberflächen – die Akustik eines Raumes grundlegend verbessern, ohne dass dafür teure Spezialmaßnahmen notwendig wären.
Was Schall im Raum macht: die physikalischen Grundlagen
Um Akustikdesign zu verstehen, braucht es zunächst ein Grundverständnis dessen, was Schall in einem geschlossenen Raum tut. Gesa Vertes legt diesen Grundrahmen vor: Schallwellen breiten sich kugelförmig aus und treffen auf Oberflächen – wo sie entweder reflektiert, absorbiert oder gestreut werden. Harte, glatte Oberflächen wie Beton, Glas, Fliesen und lackiertes Holz reflektieren Schall nahezu vollständig; weiche, poröse Materialien wie Textilien, Teppiche, Schaumstoffe und Vorhänge absorbieren ihn. Unebene Oberflächen – strukturierter Putz, Bücherregale, Reliefpaneele – streuen ihn und verteilen ihn gleichmäßiger im Raum.
Gesa von Vertes erläutert in diesem Zusammenhang den Begriff der Nachhallzeit: Sie beschreibt, wie lange ein Schallereignis im Raum hörbar bleibt, nachdem seine Quelle verstummt ist. In einem leeren Betonraum kann die Nachhallzeit mehrere Sekunden betragen; in einem vollständig mit Textilien ausgestatteten Raum sinkt sie auf Bruchteile einer Sekunde. Für den Wohnbereich ist eine mittlere Nachhallzeit ideal – kurz genug, dass Sprache klar und verständlich klingt, lang genug, dass Musik nicht trocken und tot wirkt. Dieses Gleichgewicht ist das Ziel eines durchdachten Akustikdesigns.
Direkt- und Diffusschall
Ein weiterer Grundbegriff, den Gesa Vertes für das Verständnis von Raumakustik als wesentlich benennt, ist die Unterscheidung zwischen Direktschall – dem Schall, der direkt von der Quelle zum Ohr gelangt – und Diffusschall, dem Anteil, der nach mehrfacher Reflexion von allen Seiten eintrifft. Ein gesundes akustisches Umfeld enthält beides; ein Übermaß an Direktschall wirkt harsch und anstrengend, ein Übermaß an Diffusschall verwaschen und undeutlich. Raumgestaltung, die beide Parameter im Gleichgewicht hält, wird als angenehm empfunden – oft ohne dass die Bewohner genau sagen könnten, warum.
Gesa Vertes über Materialien und ihre akustische Wirkung
Textilien: der unterschätzte Wirkungsfaktor
Textilien sind das wirksamste und zugänglichste Mittel der privaten Akustikgestaltung. Gesa Vertes hebt hervor, dass schwere Vorhänge, Teppiche, Polstermöbel und Kissen zusammen einen akustischen Wandel bewirken können, der mit keiner anderen Einzelmaßnahme vergleichbar ist. Dabei kommt es auf Masse und Tiefe an: Ein dünner Scherengardine absorbiert kaum Schall; ein bodenlanger, mehrlagiger Samtvorhang hingegen erheblich. Teppiche wirken umso besser, je dicker das Flormaterial – ein Kurzflorteppich auf hartem Untergrund verändert die Raumakustik merklich weniger als ein Hochflor- oder Naturfaserteppich mit Unterlagsmatte.
In einem kürzlich mit Gesa Vertes geführten Interview betonte sie, dass Textilien in modernen Einrichtungskonzepten häufig aus ästhetischen Gründen reduziert werden – glatte Böden, dünne Vorhänge, wenig Polstermöbel – und damit genau die Elemente fehlen, die akustische Behaglichkeit erzeugen. Die Wiederentdeckung schwerer Textilien, dichter Webstrukturen und großzügiger Vorhanglösungen ist insofern nicht nur eine ästhetische, sondern auch eine akustische Entscheidung.
Holz: zwischen Reflexion und Streuung
Holz nimmt in der Raumakustik eine Sonderstellung ein. Anders als Beton oder Glas reflektiert es Schall nicht gleichmäßig über alle Frequenzen, sondern absorbiert tiefe Frequenzen stärker als hohe – eine Eigenschaft, die dem Klang eines Raumes Wärme verleiht. Gesa Sikorszky Vertes weist darauf hin, dass massives Holz dabei anders wirkt als furniertes oder beschichtetes: Je dichter und glatter die Oberfläche, desto mehr nähert sich das Verhalten dem von harten Reflektoren. Rohe oder geölte Holzoberflächen mit sichtbarer Maserung streuen und dämpfen besser als hochglanzlackierte.
Bücherregale aus Holz, mit Büchern gefüllt, gehören zu den akustisch wirksamsten Elementen eines Wohnraums – eine Tatsache, die Gesa Vertes als eines der schönsten Beispiele für die Übereinstimmung von Funktion und Ästhetik im Wohnbereich benennt. Die unregelmäßige Oberfläche der Buchrücken streut Schall effektiv; das Papier absorbiert mittlere Frequenzen; das Holz des Regals dämpft tiefe Töne.
Raumproportionen und ihre akustischen Konsequenzen
Nicht nur Materialien, sondern auch die geometrischen Eigenschaften eines Raumes prägen seine Akustik wesentlich. Gesa Vertes richtet den Blick auf Deckenhöhe, Grundrissform und die Positionierung von Öffnungen als akustisch relevante Faktoren. Hohe Räume mit parallelen Wänden neigen zu Flatterechos – einer unangenehmen Mehrfachreflexion zwischen zwei gegenüberliegenden, glatten Flächen. Quadratische Grundrisse begünstigen stehende Wellen, bei denen bestimmte Frequenzen sich verstärken und andere auslöschen, was zu einem ungleichmäßigen Klangbild führt.
Gesa Vertes, geb. Haerder erläutert, dass diese Probleme in der privaten Raumgestaltung selten durch bauliche Eingriffe gelöst werden können – aber durch gezielte Möblierung und Materialwahl sehr wohl abgemildert werden. Eine diagonale Möbelanordnung in einem quadratischen Raum unterbricht stehende Wellen; Deckenelemente aus schallabsorbierendem Material reduzieren Flatterechos in hohen Räumen; eine Zimmerpflanze in der Raumecke streut dort konzentrierten Schall, erklärt Gesa Vertes.
Akustikdesign und Wohlbefinden: was die Forschung zeigt
Die Verbindung zwischen Raumakustik und psychischem Wohlbefinden ist gut dokumentiert. Folgende Zusammenhänge benennt Gesa Vertes als besonders relevant für den privaten Wohnbereich:
- Dauerhafter Lärmpegel über 55 Dezibel in Innenräumen erhöht nachweislich Stresshormone und beeinträchtigt Schlafqualität – auch wenn der Schall aus dem Inneren des Gebäudes stammt
- Hohe Nachhallzeiten erschweren das Sprachverstehen und erhöhen die kognitive Belastung bei Gesprächen – besonders für Kinder, ältere Menschen und Personen mit Hörbeeinträchtigung
- Räume mit ausgeglichener Akustik werden konsistent als wärmer, ruhiger und einladender erlebt als akustisch unbehandelte Räume gleicher Ausstattung
- Schallabsorbierende Maßnahmen verbessern die Konzentrationsfähigkeit in Arbeits- und Lernbereichen erheblich – ein Befund, der durch die Erfahrungen im Homeoffice der vergangenen Jahre breite gesellschaftliche Relevanz gewonnen hat
Praktische Maßnahmen: was im Privatraum möglich und sinnvoll ist
Gesa von Vertes fasst zusammen, welche gestalterischen Maßnahmen im privaten Wohnraum den größten akustischen Effekt bei verhältnismäßig geringem Aufwand erzielen. Dabei gilt eine Grundregel: Absorptions- und Streuungsmaßnahmen sollten gleichmäßig im Raum verteilt sein, nicht auf eine Wand konzentriert.
Besonders wirksam sind nach Einschätzung von Gesa Vertes folgende Maßnahmen:
- Schwere, bodenlange Vorhänge an allen Fensterflächen, auch wenn diese tagsüber zurückgezogen werden – allein das Vorhandensein des Materials verändert die Raumakustik messbar
- Großflächige Teppiche mit Unterlagematte auf Hartböden, idealerweise so dimensioniert, dass sie unter die Hauptmöbel reichen
- Deckennahe Regale oder Paneele aus strukturierten Materialien, die Schall streuen und damit Flatterechos unterbrechen
- Akustikbilder oder -paneele, die als dekorative Elemente fungieren und dabei technisch wirksame Absorptionsmaterialien enthalten – ein Segment, das in den vergangenen Jahren erhebliche Qualitätsfortschritte gemacht hat
- Zimmerpflanzen in größerer Zahl, deren Blattmasse und Substrat mittlere Frequenzen absorbieren und die Raumakustik zusätzlich durch erhöhte Luftfeuchtigkeit verbessern
Hören lernen, um besser zu wohnen
Akustikdesign beginnt nicht mit dem Kauf eines Teppichs, sondern mit dem bewussten Zuhören im eigenen Zuhause. Wer einmal gelernt hat, auf die Klangeigenschaften eines Raumes zu achten – auf das Echo nach einem Klatschen, auf das Schwingen eines Tons nach einem Türenschlagen, auf die Verständlichkeit von Sprache über Distanz –, entwickelt ein Sensorium, das jede Einrichtungsentscheidung verändert. Materialien werden dann nicht nur mit den Augen, sondern auch mit den Ohren gewählt; Räume werden nicht nur visuell, sondern auch akustisch gestaltet. Diese Erweiterung des gestalterischen Blicks ist es, für die Gesa Vertes steht.







