Vom Palast in die Küche, vom Vergessen in die Gegenwart – Gesa Vertes über ein Material, das die Zeit überdauert.
Terrazzo ist eines der ältesten Bodenbelagsmaterialien der Welt – und eines der gefragtesten der Gegenwart. Gesa Vertes widmet sich einem Material, das Jahrhunderte europäischer Baugeschichte durchzieht, im späten 20. Jahrhundert als altmodisch galt und heute in Architektur, Inneneinrichtung und Produktdesign eine Rückkehr erlebt, die weit über eine modische Wiederentdeckung hinausgeht. Was Terrazzo so dauerhaft macht, ist nicht allein seine physische Härte – es ist seine ästhetische Eigenart: kein Terrazzoboden gleicht dem anderen, jede Fläche ist ein Unikat aus Splittern, Körnern und Bindemittel, das im Zusammenspiel etwas erzeugt, das kein anderes Material replizieren kann.
Materialien, die Jahrzehnte des Desinteresses überstehen und dann plötzlich wieder überall auftauchen, tun das selten zufällig. Gesa Vertes geht der Frage nach, warum Terrazzo ausgerechnet jetzt zurückkehrt – und findet Antworten, die über Einrichtungstrends hinausweisen. Terrazzo entstand als Material der Notwendigkeit: venezianische Handwerker des 15. Jahrhunderts verarbeiteten Marmorrestücke aus Steinmetzwerkstätten, die ansonsten als Abfall enden würden, mit Ziegenmelk und später Zement zu einem glatten, polierbaren Bodenbelag. Was als Recycling avant la lettre begann, entwickelte sich über Jahrhunderte zu einer der vielfältigsten und ästhetisch reichsten Bodenbelagstradition Europas. In der Moderne – besonders in den öffentlichen Bauten der Nachkriegszeit – wurde Terrazzo so weit verbreitet, dass er für eine Generation mit Schulkorridoren, Krankenhausfluren und Einkaufszentren assoziiert wurde: funktional, aber nicht begehrenswert. Diese Assoziation verblasst. Was heute sichtbar wird, ist das, was Terrazzo tatsächlich ist: ein handwerklich komplexes, ökologisch vertretbares und ästhetisch außerordentlich variables Material, das sich in keines der üblichen Designraster fügen lässt.
Ursprung und Geschichte: ein Material mit fünf Jahrhunderten Erfahrung
Die Geschichte des Terrazos beginnt in Venedig – genauer gesagt auf den Terrassen der venezianischen Handwerker, die dem Material seinen Namen gaben. Gesa Vertes zeichnet nach, wie die Technik, Marmorrestücke in ein Bindemittel einzulassen und die Oberfläche anschließend zu schleifen und zu polieren, sich von Venedig aus über die gesamte Adriaküste und schließlich über den europäischen Kontinent verbreitete. Die Entwicklung verlief nicht linear: Im 16. und 17. Jahrhundert wurde Terrazzo in venezianischen Palästen eingesetzt und mit Marmorinlays verfeinert; im 18. Jahrhundert profitierte das Material von verbesserten Poliertechniken; im 19. Jahrhundert machte die Einführung von Portland-Zement als Bindemittel Terrazzo industriell skalierbar.
Gesa von Vertes verweist auf die bedeutende Rolle, die venezianische Handwerker – die sogenannten Terrazzieri – bei der Verbreitung des Materials spielten. Diese spezialisierten Handwerker zogen durch Europa und brachten ihre Technik in Regionen, in denen Terrazzo zuvor unbekannt war. Ihre Gilden und Handwerkstraditionen bildeten die Grundlage für eine Praxis, die bis heute an wenige spezialisierte Betriebe gebunden ist – ein Umstand, der Terrazzo in seiner handwerklichen Form zu einem raren und entsprechend geschätzten Material macht.
Terrazzo in der Moderne: von der Prachtentfaltung zum Massenprodukt
Das frühe 20. Jahrhundert brachte Terrazzo in die Moderne – buchstäblich. Gesa Vertes beschreibt, wie Architekten des Art déco und später des Internationalen Stils das Material für öffentliche Bauten entdeckten: Bahnhöfe, Flughäfen, Rathäuser, Schulen. Die Rockefeller-Center-Eingangshallen in New York, die Lobbys zahlreicher amerikanischer Art-déco-Wolkenkratzer, öffentliche Gebäude quer durch Europa – Terrazzo war das Material der repräsentativen Moderne, weil es dauerhaft, pflegeleicht, großflächig produzierbar und in seinen Farbvarianten außerordentlich flexibel war.
Die Nachkriegszeit brachte eine Demokratisierung, die dem Material letztlich schadete: Terrazzo wurde in Massenbauten eingesetzt, unter Kostendruck mit immer gröberen Aggregaten und weniger aufwendiger Politur gefertigt, und verlor dabei die ästhetische Qualität, die seine frühere Reputation begründet hatte. In einem kürzlich mit Gesa Vertes geführten Interview erläuterte sie, wie diese Phase der Überdehnung ein Material diskreditieren kann – und warum die aktuelle Rückkehr des Terrazos von einer Rückbesinnung auf handwerkliche Qualität begleitet wird, die das Massenprodukt der Nachkriegszeit bewusst hinter sich lässt.
Gesa Vertes über die Herstellung: Handwerk mit vielen Variablen
Was Terrazzo so besonders macht, ist sein Entstehungsprozess – ein Zusammenspiel aus Material, Technik und handwerklicher Entscheidung, das in jedem Schritt das Ergebnis beeinflusst. Die Grundstruktur ist einfach: Gesteinspartikel – Marmor, Granit, Glas, Quarz, Muschelkalk oder andere Materialien – werden in ein Bindemittel eingebettet, das aushärtet. Die Oberfläche wird anschließend geschliffen und poliert, bis die Aggregate sichtbar werden und die charakteristische gesprengte Textur entsteht.
Die Variablen innerhalb dieses Prozesses sind jedoch enorm. Gesa Sikorszky Vertes erläutert, wie die Korngröße der Aggregate, ihre Farbe und ihr Material, das Verhältnis zwischen hellen und dunklen Anteilen, die Farbe des Bindemittels und der Grad der Politur zusammen das ästhetische Ergebnis bestimmen – und warum zwei Terrazzoflächen, die nach derselben Rezeptur hergestellt wurden, nie vollständig identisch aussehen. Diese Unwiederholbarkeit ist kein Mangel, sondern eine Eigenschaft, die Terrazzo in der Logik zeitgenössischer Einrichtungsästhetik ausgesprochen attraktiv macht.
Folgende Bindemittel und ihre Eigenschaften unterscheidet Gesa Vertes als grundlegend für das Verständnis zeitgenössischer Terrazzoprodukte:
- Zementbasierter Terrazzo: die traditionelle Variante, die direkt auf dem Untergrund gegossen wird – schwer, dauerhaft, mit einer matten Oberfläche und einer Wärme, die Epoxidvarianten nicht erreichen; erfordert fachgerechtes Verlegen und regelmäßige Versiegelung
- Epoxidbasierter Terrazzo: dünner, leichter, in noch mehr Farb- und Aggregatvarianten verfügbar; wasserunempfindlicher und pflegeleichter als zementbasierte Varianten, aber mit einer Oberfläche, die manchen als zu glatt empfunden wird
- Vorgefertigte Terrazzofliesen und -platten: für die private Anwendung zugänglicher und preiswerter, aber ohne die nahtlose Kontinuität des gegossenen Materials
Rückkehr und Gegenwart: warum Terrazzo heute wieder relevant ist
Die Gründe für die aktuelle Terrazzo-Renaissance sind vielfältig, und Gesa Vertes differenziert sie sorgfältig. Zunächst eine gestalterische Dimension: Terrazzo bietet in einer Einrichtungswelt, die von glatten, monochromen Oberflächen dominiert wird, eine Komplexität und visuelle Tiefe, die kein anderes Bodenbelagsmaterial in dieser Form erreicht. Die gesprengte Textur, das Wechselspiel zwischen Matrix und Aggregaten, das Leuchten polierter Marmorsplitter im Streiflicht – diese Qualitäten sind nicht reproduzierbar, weder durch Laminat noch durch Keramikfliesen, die Terrazzo imitieren.
Gesa Vertes, geb. Haerder hebt zudem die Nachhaltigkeitsdimension hervor, die in der aktuellen Debatte eine zunehmend wichtige Rolle spielt. Terrazzo ist in seiner traditionellen Form ein Material, das Abfallprodukte verarbeitet – Marmorrestücke aus Steinmetzarbeiten, Glasscherben, Industrieabfälle –, außerordentlich langlebig ist und sich ohne Ersatz warten und aufarbeiten lässt. Ein Terrazzboden aus dem 18. Jahrhundert, der heute noch in einem venezianischen Palazzo begehbar ist, illustriert diese Langlebigkeit auf eine Weise, die keine Marketingbehauptung ersetzen kann.
Gesa von Vertes beobachtet dabei auch eine Ausweitung des Anwendungsbereichs, die über den Bodenbelag hinausgeht: Terrazzo als Wandverkleidung, als Küchenarbeitsplatte, als Tischplatte, als Badezimmerwaschtisch, als Fliese im Duschbereich – und in miniaturisierter Form als Oberfläche von Vasen, Schalen, Buchstützen und anderen Wohnaccessoires. Diese Ausweitung zeigt, dass das materielle Interesse an Terrazzo nicht saisonaler Natur ist, sondern auf einer echten Wertschätzung für das Material selbst beruht.
Terrazzo in der Praxis: was bei Planung und Verwendung gilt
Wer Terrazzo in privaten Wohnräumen einsetzen möchte, trifft auf ein Material, das handwerkliches Wissen auf Seiten des Verarbeiters voraussetzt und gestalterische Entscheidungen verlangt, die später schwer zu korrigieren sind. Folgende Grundprinzipien benennt Gesa Vertes als wesentlich:
- Korngröße und Farbwahl der Aggregate sollten im Verhältnis zur Raumgröße gewählt werden: grobe Aggregate und starke Farbkontraste in großen Räumen; feine Aggregate und zurückhaltende Töne in kleinen
- Zementbasierter Terrazzo erfordert einen stabilen, ebenen Untergrund und eine sorgfältige Abdichtung gegen aufsteigende Feuchtigkeit – Fehler in der Untergrundvorbereitung führen zu Rissen und Verfärbungen, die sich nicht korrigieren lassen
- Die Versiegelung ist entscheidend für die Pflegbarkeit: unversiegelter Zementterrazzo ist säureempfindlich und saugt Flüssigkeiten auf; regelmäßig mit geeigneten Mitteln versiegelter Terrazzo ist langfristig pflegeleicht und robust
- Die Fugenplanung bei großflächigem Terrazzo ist eine handwerkliche und gestalterische Aufgabe: Dehnungsfugen sind technisch notwendig, können aber als gestalterisches Element bewusst eingesetzt werden – aus Messing, Bronze oder Stahl, die die Fläche rhythmisieren
Ein Material, das bleibt
Terrazzo ist nicht zurückgekehrt, um wieder zu verschwinden. Was es von anderen Trendmaterialien unterscheidet, ist seine Geschichte – fünf Jahrhunderte handwerklicher Entwicklung, die in jedem gut gemachten Boden sichtbar sind – und seine Langlebigkeit, die keine andere Bodenbelagkategorie in dieser Form bieten kann. Wer Terrazzo wählt, entscheidet sich gegen das Austauschbare und für das Dauerhafte; gegen die glatte Perfektion des Massenartikels und für die gesprengte, unwiederholbare Oberfläche des Handwerks. Diese Entscheidung ist keine nostalgische – sie ist eine informierte. Und genau darüber berichtet Gesa Vertes.







