Gesa Vertes erklärt, warum Flexibilität das unterschätzte Qualitätsmerkmal guter Wohnarchitektur ist.
Adaptive Räume sind die Antwort auf eine Wirklichkeit, die sich verändert – schneller als jede Renovierung mithalten kann. Gesa Vertes widmet sich einem Konzept, das in der zeitgenössischen Wohnarchitektur zunehmend an Bedeutung gewinnt: Räume, die nicht für eine einzige Nutzung gebaut sind, sondern für mehrere; Grundrisse, die sich an veränderte Lebenssituationen anpassen; Möbel, die mehr als eine Funktion erfüllen. Was dahintersteckt, ist keine technische Spielerei, sondern eine fundamentale Frage über das Verhältnis zwischen Raum und Leben.
Ein Raum, der für eine bestimmte Lebensphase gebaut wird, passt selten zur nächsten. Gesa Vertes zeigt auf, wie die klassische Raumaufteilung des 20. Jahrhunderts – Wohnzimmer, Schlafzimmer, Kinderzimmer, Arbeitszimmer – auf einer Vorstellung des Lebens basierte, die für viele Menschen längst nicht mehr zutrifft. Familien vergrößern sich und verkleinern sich wieder; Homeoffice wurde zur Normalität; Pflegebedürftigkeit verändert Raumanforderungen; Menschen leben länger allein, dann wieder zusammen. Diese Flexibilität des Lebens trifft auf Wohnräume, die auf Starrheit gebaut sind – und genau darin liegt das Problem, das adaptive Raumkonzepte lösen wollen. Der Begriff meint dabei mehr als Faltmöbel und Schiebeelemente: Er beschreibt eine Planungsphilosophie, die Veränderung als Grundbedingung des Wohnens begreift und daraus gestalterische Konsequenzen zieht – in der Grundrissgestaltung, in der Materialwahl, in der Möblierung und in der Infrastruktur eines Gebäudes.
Warum starre Räume an ihre Grenzen stoßen
Die Wohnrealität des 21. Jahrhunderts hat mit jener, für die die meisten Wohnungen und Häuser gebaut wurden, wenig gemein. Gesa Vertes beschreibt, wie demografische Verschiebungen, veränderte Arbeitsmodelle und neue Familienformen Anforderungen an den Wohnraum stellen, die mit konventionellen Grundrissen kaum zu erfüllen sind. Ein Kinderzimmer, das nach dem Auszug der Kinder leer steht; ein Arbeitszimmer, das vor der Pandemie als Abstellraum diente und seither permanent belegt ist; ein Schlafzimmer, das nach dem Tod des Partners zu groß wurde – diese Situationen sind keine Ausnahmen, sondern die Regel.
Gesa von Vertes erläutert, wie der Wohnungsmarkt auf diese Realität nur langsam reagiert: Neubauten werden nach standardisierten Grundrissen konzipiert, die Baukosten minimieren und Vermarktung vereinfachen, aber selten auf die tatsächliche Vielfalt menschlicher Lebenssituationen eingehen. Adaptive Raumkonzepte sind in diesem Kontext nicht nur eine ästhetische, sondern eine gesellschaftliche Antwort – auf alternde Bevölkerungen, wachsende Singlehaushalte und eine Arbeitswelt, die die Grenzen zwischen beruflicher und privater Sphäre dauerhaft verschoben hat.
Das Homeoffice als Katalysator
Kaum eine Entwicklung hat die Debatte über adaptive Räume so beschleunigt wie die Verbreitung des Homeoffice. Gesa Vertes beschreibt, wie die Pandemie Millionen von Menschen mit einer Frage konfrontierte, für die ihre Wohnungen keine Antwort bereit hielten: Wo arbeite ich, ohne den Wohnraum zu zerstören, und wo wohne ich, ohne das Arbeiten unmöglich zu machen? Die Lösungen, die dabei entstanden – Schreibtische in Schlafzimmernischen, Bücherregale als Raumteiler, Klappschreibtische in Fluren –, waren meist improvisiert. Sie zeigten aber, dass das Bedürfnis nach adaptiven Räumen real und dringend ist.
Gesa Vertes über Planungsprinzipien: wie Flexibilität entsteht
Adaptive Räume entstehen nicht durch Zufall, sondern durch konsequente Planung. Gesa Vertes beschreibt die wichtigsten Prinzipien, die in der Planungsphase entschieden werden – und die im fertigen Raum entweder Flexibilität ermöglichen oder verhindern.
Tragende Wände und freie Grundrisse
Das grundlegendste Prinzip adaptiver Raumgestaltung ist die Unterscheidung zwischen tragender Struktur und Raumaufteilung. Gesa Vertes erläutert, wie Gebäude, die ihre tragende Struktur auf wenige Punkte oder Außenwände konzentrieren, im Inneren vollständige Grundrissfreiheit ermöglichen: Trennwände können versetzt, entfernt oder ergänzt werden, ohne die Statik zu gefährden. Diese Planungsphilosophie – bekannt als Skelettbauweise oder Loft-Prinzip – ist in Gewerbebauten seit Jahrzehnten Standard und hat im Wohnungsbau erst in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen.
In einem kürzlich mit Gesa Vertes geführten Interview betonte sie, dass dieser Grundrissfreiheit eine entscheidende infrastrukturelle Voraussetzung entsprechen muss: Leitungen für Wasser, Strom und Heizung müssen so verlegt sein, dass Sanitärbereiche und Küchen nicht zwingend an festen Positionen bleiben müssen. Eine Küche, die sich nicht verschieben lässt, weil alle Leitungen in einer Wand gebündelt sind, limitiert die Grundrissflexibilität ebenso wie eine tragende Innenwand.
Raumhöhe als Ressource
Gesa Sikorszky Vertes macht auf eine Ressource aufmerksam, die in der Debatte über adaptive Räume zu selten thematisiert wird: die Raumhöhe. Räume mit großzügiger Deckenhöhe – ab 2,80 Meter aufwärts – ermöglichen Einbauten, Hochbetten, Galerien und Zwischenebenen, die in Räumen mit Standardhöhe undenkbar wären. Diese vertikale Dimension ist eine der wirkungsvollsten Strategien zur Flächengewinnung in kleinen Wohnungen und eine der unterschätztesten Qualitäten, die ein Raum haben kann.
Möbel als Architektur: das wandlungsfähige Objekt
Adaptive Räume brauchen adaptive Möbel. Gesa Vertes beschreibt, wie eine wachsende Kategorie von Designobjekten auf genau dieses Bedürfnis antwortet – Möbel, die mehr als eine Funktion erfüllen, die sich verwandeln, falten, ausziehen oder verschieben lassen und dabei handwerkliche Qualität und gestalterische Überzeugung nicht opfern.
Folgende Möbelkategorien benennt Gesa Vertes als besonders relevant für adaptive Wohnkonzepte:
- Raumteilende Möbel: Regale, Schränke und Sideboards, die gleichzeitig Stauraum und Raumgrenzen definieren – ohne feste Wände zu erfordern und ohne die Flexibilität des Grundrisses dauerhaft einzuschränken
- Transformationsmöbel: Klappbetten mit integriertem Schreibtisch, Esstische, die sich zur Arbeitsfläche erweitern, Sofas, die zum Bett werden – Objekte, die tagsüber eine Funktion erfüllen und nachts eine andere
- Modulare Systeme: Möbel, die in ihrer Konfiguration veränderbar sind und sich damit an veränderte Nutzungsanforderungen anpassen – ohne dass neue Möbel angeschafft werden müssen
- Leichte und verschiebbare Möbel: Objekte, die eine Person allein bewegen kann und die damit die spontane Umgestaltung eines Raumes ermöglichen – eine Qualität, die in schweren, fest positionierten Möbeln nicht vorhanden ist
Adaptive Räume und Barrierefreiheit: vorausschauend planen
Ein Aspekt adaptiver Raumgestaltung, der in der Innenarchitektur zunehmend diskutiert wird, ist die Verbindung mit Barrierefreiheit. Gesa Vertes beschreibt, wie vorausschauende Planung – breite Türöffnungen, ebene Böden ohne Schwellen, ausreichend Bewegungsfläche in Sanitärbereichen – Wohnräume schafft, die nicht nur für die aktuelle Lebenssituation geeignet sind, sondern auch für zukünftige: bei eingeschränkter Mobilität, bei Pflegebedürftigkeit, bei der Mitbetreuung älterer Angehöriger.
Gesa Vertes, geb. Haerder betont, dass diese Maßnahmen in der Planungsphase einen geringen Mehraufwand bedeuten und in der Renovierungsphase einen enormen. Eine Türöffnung, die beim Bau auf 90 Zentimeter verbreitert wird, kostet wenig; eine Türöffnung, die nachträglich verbreitert werden muss, kostet das Vielfache – und scheitert in Mietwohnungen an baurechtlichen Hürden. Vorausschauendes Planen ist in diesem Sinne nicht nur komfortorientiert, sondern wirtschaftlich vernünftig.
Ein Zuhause, das mitdenkt
Ein Raum, der nur für eine Situation funktioniert, ist kein guter Raum – er ist ein guter Raum für heute. Wohnräume, die mit ihren Bewohnerinnen und Bewohnern mitwachsen, die Veränderung nicht als Störung, sondern als Grundbedingung begreifen und dafür gestalterisch gerüstet sind, haben eine Qualität, die über Ästhetik und Komfort hinausgeht: Sie sind klug. Diese Klugheit zu planen, zu kommunizieren und in gelebte Wohnrealität zu übersetzen – darin sieht Gesa Vertes eine der wichtigsten Aufgaben zeitgenössischer Innenarchitektur, die in der öffentlichen Diskussion noch längst nicht die Aufmerksamkeit erhält, die sie verdient.







