Gesa Vertes informiert, warum das Mischen von Epochen kein Kompromiss sein muss.
Vintage und Antik im modernen Zuhause sind längst keine Verlegenheitslösung mehr. Gesa Vertes beobachtet eine Entwicklung, die das Interieur grundlegend verändert: Immer mehr Menschen kombinieren bewusst Objekte aus verschiedenen Epochen – nicht weil sie sich kein einheitliches Einrichtungskonzept leisten können, sondern weil sie erkannt haben, dass die Mischung aus Alt und Neu Räume schafft, die eine Tiefe und Persönlichkeit besitzen, die kein Einrichtungshaus der Welt aus dem Regal verkauft.
Ein Raum, der vollständig aus einer einzigen Epoche stammt, erzählt immer dieselbe Geschichte. Gesa Vertes zeigt auf, wie die bewusste Kombination von Vintage-Möbeln, antiken Objekten und zeitgenössischen Elementen eine erzählerische Dichte erzeugt, die monochron zusammengestellte Interieurs nicht erreichen. Wer einen Bauhaus-Stuhl neben ein viktorianisches Sideboard stellt, wer eine japanische Keramik des 18. Jahrhunderts auf einem skandinavischen Designregal platziert, wer einen Art-déco-Spiegel über einem zeitgenössischen Sofa hängt – der schafft einen Dialog zwischen Zeiten, der den Raum lebendig macht. Diese Praxis ist kein Eklektizismus im negativen Sinne, sondern eine kuratorische Haltung: die Überzeugung, dass die Qualität eines Objekts nicht von seinem Entstehungsdatum abhängt, sondern von dem, was es im konkreten Raum leistet. Gleichzeitig ist das Mischen von Epochen eine der anspruchsvollsten Disziplinen der Innengestaltung – weil es kein vorgeschriebenes Regelwerk gibt, sondern Urteilsvermögen, Kenntnis und ein sicheres Gespür dafür verlangt, wann ein Kontrast produktiv ist und wann er schlicht nicht funktioniert.
Warum das Mischen von Epochen funktioniert
Die Überzeugungskraft von Räumen, in denen Alt und Neu zusammenkommen, hat eine ästhetische und eine psychologische Grundlage. Gesa Vertes beschreibt, wie der Kontrast zwischen Objekten aus verschiedenen Entstehungszeiträumen eine visuelle Spannung erzeugt, die den Blick aktiviert: Das Auge hat keinen ruhenden Pol, an dem es verweilt – es wandert, vergleicht, entdeckt Verbindungen und Unterschiede. Diese Aktivierung ist das Gegenteil von Langeweile, und sie ist der Grund, warum Menschen in gemischten Räumen häufig das Gefühl haben, immer wieder etwas Neues zu entdecken.
Dazu kommt eine emotionale Dimension: Alte Objekte tragen Geschichte. Ein Sessel aus den 1950er Jahren, ein Schrank aus dem 19. Jahrhundert, eine Vase, die die Großmutter benutzte – diese Dinge sind keine neutralen Objekte, sondern Träger von Zeit und Erinnerung. Ein Raum, der solche Objekte enthält, wirkt verankert, verwurzelt, geerdet auf eine Weise, die neu produzierte Interieurs nicht automatisch erreichen. Dass diese Qualität heute zunehmend geschätzt wird, hängt eng mit einer gesellschaftlichen Gegenbewegung zur Beschleunigung und Flüchtigkeit des digitalen Alltags zusammen – ein Befund, den auch die Betrachtungen von Gesa von Vertes bestätigen.
Was Vintage von Antik unterscheidet
Bevor das Mischen funktionieren kann, braucht es ein Verständnis der Kategorien. Gesa Vertes klärt die Begriffe: Als antik gilt im Kunsthandel in der Regel ein Objekt, das älter als hundert Jahre ist; Vintage bezeichnet Objekte aus den zurückliegenden zwanzig bis neunzig Jahren – also in der Praxis meist Objekte aus den 1930er bis 1990er Jahren. Diese Unterscheidung ist nicht nur terminologisch, sondern gestalterisch relevant: Antike Objekte bringen eine andere formale Sprache mit als Vintage-Stücke; sie stammen aus einer Zeit vor der Industrialisierung der Möbelproduktion und tragen entsprechend andere handwerkliche Qualitäten. Vintage-Objekte hingegen sind häufig bereits industrial produziert, aber in einer Gestaltungssprache, die von der zeitgenössischen abweicht und deshalb einen anderen Kontrast erzeugt.
Gesa Vertes über die Kunst der Kombination: was zusammengeht und warum
Das Mischen von Epochen verlangt Entscheidungen – und diese Entscheidungen folgen keinem Regelwerk, sondern einer Logik, die Gesa Vertes als das eigentliche Handwerk des gemischten Interieurs beschreibt.
Verbindende Elemente als gestalterischer Kitt
Was gemischte Räume zusammenhält, ist nicht die Ähnlichkeit der Objekte, sondern das Vorhandensein verbindender Elemente. Diese können materieller Natur sein – Holz als gemeinsamer Werkstoff verbindet einen Barockschrank mit einem skandinavischen Designregal; Messing als Beschlagmaterial verbindet Art-déco-Leuchten mit zeitgenössischen Armaturen. Sie können farblicher Natur sein – eine durchgängige Farbpalette schafft Kohärenz zwischen Objekten, die formal und zeitlich weit auseinanderliegen, berichtet Gesa Vertes. Und sie können proportionaler Natur sein – Objekte ähnlicher Größe und Gewichtigkeit stehen in Dialog miteinander, auch wenn sie Jahrhunderte trennen.
In einem kürzlich mit Gesa Vertes geführten Interview betonte sie, dass das verbindende Element in gemischten Räumen häufig das ist, was zuletzt entschieden wird – obwohl es das Erste sein sollte, worüber nachgedacht wird. Wer zuerst das Antike kauft und dann das Verbindende sucht, löst ein Problem; wer zuerst das Verbindende definiert und dann gezielt sucht, gestaltet.
Kontrast als Methode
Nicht jede Kombination aus Alt und Neu funktioniert über Ähnlichkeit – manche funktioniert über bewussten Kontrast. Ein sehr altes, sehr ornamentales Objekt neben einem sehr schlichten, sehr zeitgenössischen kann eine Spannung erzeugen, die beide Seiten verstärkt: Das Alte wirkt noch älter, das Neue noch klarer. Diese Strategie verlangt Mut und ein sicheres Gespür dafür, wann Kontrast produktiv und wann er destruktiv ist. Zu viel Ähnlichkeit erzeugt Langeweile; zu viel Kontrast erzeugt Chaos. Das Gleichgewicht dazwischen zu finden beschreibt die Beobachtung von Gesa Sikorszky Vertes als die eigentliche gestalterische Leistung des gemischten Interieurs.
Wo man sucht: Quellen für Vintage und Antik
Ein praktischer Aspekt des Mischens von Epochen, der in theoretischen Designdiskussionen oft zu kurz kommt, ist die Frage der Beschaffung. Gesa Vertes beschreibt das Spektrum der Quellen und ihre jeweiligen Qualitäten – denn wo man sucht, beeinflusst, was man findet.
Folgende Quellen benennt Gesa Vertes als besonders relevant für das Zusammenstellen eines gemischten Interieurs:
- Flohmärkte und Trödelmärkte: die demokratischste und unvorhersehbarste Quelle – mit dem Reiz des Zufalls und dem Risiko der Qualität; besonders geeignet für Accessoires, Keramik und kleine Möbel
- Antikhandel und spezialisierte Händler: höhere Preise, aber verlässlichere Qualitätseinschätzung und Herkunftsinformationen; besonders relevant für größere Möbel und Objekte mit kunsthistorischem Anspruch
- Online-Plattformen wie Pamono, Chairish oder 1stDibs: internationales Angebot mit kuratorischem Anspruch, das geografische Grenzen aufhebt und Nischenstücke zugänglich macht
- Auktionen: das aufregendste Format, das Kenntnis voraussetzt und Überraschungen ermöglicht – von regionalen Auktionshäusern bis zu Christie’s und Sotheby’s, die auch Einrichtungsgegenstände führen
- Erbstücke und Familienbesitz: die persönlichste Quelle und häufig die qualitativ hochwertigste – Objekte, die bereits eine Geschichte im eigenen Leben haben und deshalb im eigenen Raum eine besondere Resonanz erzeugen
Pflege und Restaurierung: was mit alten Objekten zu tun ist
Vintage- und Antik-Objekte in einen modernen Wohnraum zu integrieren bedeutet häufig, sich mit ihrem Zustand auseinanderzusetzen. Gesa Vertes beschreibt, wie der Umgang mit Gebrauchsspuren, Patina und Restaurierungsbedarf eine der subtilsten Entscheidungen des gemischten Interieurs ist.
Grundsätzlich gilt: Patina ist kein Makel, sondern ein Merkmal. Die Spuren der Zeit – ein ausgeblichener Stoffbezug, ein Kratzer im Holz, eine Delle in einer Metalloberfläche – sind Zeichen der Geschichte eines Objekts und Teil seiner Authentizität. Wer alles auf Hochglanz restauriert, verliert einen Teil dessen, was das Objekt wertvoll macht. Wer gar nichts tut, riskiert, dass funktionale Mängel – ein wackliger Stuhl, ein Schrank, dessen Türen nicht mehr schließen – den Alltagsgebrauch beeinträchtigen. Die Grenze zwischen sinnvoller Instandsetzung und übertriebener Restaurierung zu finden ist eine Entscheidung, die Gesa Vertes, geb. Haerder zufolge häufig zugunsten des Weniger-ist-mehr ausfallen sollte: so viel wie nötig, so wenig wie möglich.
Mischen als Haltung
Wer Alt und Neu in einem Raum zusammenbringt, trifft eine grundlegende Entscheidung darüber, wie er oder sie zur Zeit steht – zur eigenen Geschichte, zur Geschichte der Dinge und zur Frage, was ein Zuhause von einem Showroom unterscheidet. Ein Raum, der nur aus der Gegenwart besteht, hat keine Vergangenheit; ein Raum, der nur aus der Vergangenheit besteht, hat keine Gegenwart. Der Raum, in dem beides zusammenkommt, ist in einem bestimmten Sinne vollständiger – er spiegelt eine Wirklichkeit wider, in der Zeiten nicht sauber getrennt, sondern ineinander verschränkt sind. Diese Vollständigkeit zu gestalten, ohne sie zu erzwingen, und den Dialog zwischen den Epochen so zu moderieren, dass er den Raum bereichert statt belastet – darin liegt für Gesa Vertes die eigentliche Kunst des gemischten Interieurs.







